Wenn sich die Medizin darauf ausrichtete, Menschen in ihrem Gesundsein oder Gesundwerden zu unterstützen, statt vor allem Krankheit zu bekämpfen – was würde das für uns bedeuten? Ellis Huber, der durch sein Engagement für Erneuerungen im Gesund­heitswesen bekannte Mediziner, und Marco Bischof, Wissenschaftsautor und Atemtherapeut, sprachen mit Oya-Herausgeber Johannes Heimrath über die Vision einer gesunden Gesellschaft.

Marco Bischof: Die Ottawa Charta der World Health Organization (WHO) zur Gesundheitsförderung von 1986 definiert Gesundheit als ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden und zielt damit auf ein hohes Maß an Selbstbestimmung. Es existiert sogar ein Beschluss der WHO aus dem Jahr 1998, auch das spirituelle Wohlbefinden zu dieser Definition hinzuzufügen, doch dieser Beschluss wurde bisher nicht berücksichtigt. Grundlegende Bedingungen für Gesundheit – so steht es in der Charta – sind Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Ökosystem, eine sorgfältige Verwendung von Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Schon damals sah man die Verantwortung zur Realisierung all dieser Bedinungen nicht nur beim Gesundheitssektor. Ein solches Verständnis deutet bereits in die Richtung des Konzepts der Salutogenese, das heute zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Johannes Heimrath: Bei diesen übergeordneten Chartas befällt mich immer ein gewisses Unbehangen. Sie beruhen auf der Annahme, dass sich unsere Gesellschaften linear so weiterentwickeln, wie sie es in den letzten dreißig Jahren getan haben. Das Thema Gesundheit ist sehr weitreichend, es überspannt Generationen. Auf uns werden in den nächsten Jahren aber kurzfristige Veränderungen zukommen. Müssen wir nicht stärker vorwärts blicken, als uns auf bestehende Chartas zu beziehen? Dürfen wir vielleicht die Utopie einer Gesundheitskultur in einer »gesunden Kultur« entwerfen, wie wir sie uns für die Zukunft wünschen?

MB: Die Frage ist, ob eine solche Neuordnung von der ganzen Gesellschaft realisiert werden kann oder nur von einem Teil. In einem globalen Sinn müsste man sogar zunächst fragen: Kann Gesundheit im Sinn der WHO-Definition nur von wirtschaftlich fortgeschrittenen Gesellschaften realisiert werden, und wird es solche Gesellschaften in der Zukunft noch geben? Einer der Begründer der deutschen Sozialmedizin, Hans Schaefer, schreibt, dass Salutogenese, also der Luxus, sich zu fragen, was gesund macht, nur etwas für die entwickelten und wohlhabenden Gesellschaften sei. »Was lässt uns gesund werden?« ist ja die Frage, die Aaron Antonovsky zur Begründung der Salutogenese geführt hat. Auch der Psychologe Abraham Maslow, der als einer der ersten die menschliche Gesundheit ganzheitlich definiert hat, sieht in der Erfüllung der materiellen Bedürfnisse die Voraussetzung, dass sich ein Mensch an Bedürfnisse wie Lebenssinn und Spiritualität heranwagt, aber das halte ich für fragwürdig. Diese Hierarchie zwischen materiellen und nicht-materiellen Ebenen setzt voraus, dass das Geistige nur ein Epiphänomen des Materiellen sei, und von dieser Sicht möchten wir ja wegkommen …

JH: Diese hierarchische Sichtweise hat tatsächlich etwas Kulturimperialistisches. Damit wird Menschen indigener Kulturen, die meist mehr Energie in die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse stecken müssen als wir, die Möglichkeit abgesprochen, nach Lebenssinn und Selbstverwirklichung zu streben. Gerade schamanische Kulturen haben aber ein ausgeprägt spirituell orientiertes Gesundheitswesen. Bezeichnenderweise kommt das Bild des Arztes, der beim Tod eines Patienten eine rote Lampe ins eigene Fenster hängen muss, aus einer nicht-europäischen Kultur, aus China. Wahrscheinlich ist das eine Legende, aber es ist trotzdem ein schönes Bild, um sich einen Arzt vorzustellen, dem es vor allem um das Gesundbleiben geht.

Ellis Huber: Ja, es gibt tatsächlich keinen Beleg für diese Legende, aber sie ist Ausdruck eines tiefsitzenden Gefühls für das, was die Menschen als weise und sinnvoll empfinden. Wenn wir therapeutisch gut handeln wollen, müssen wir erkennen, dass wir Teil einer größeren Welt sind. Als Einzelne sind wir nicht in der Lage, gesellschaftliche Krisen oder Katastrophen abzuwenden. Jede Krise fordert uns heraus, kreativ neue Chancen zu suchen. Vielleicht können unsere Nachfahren in hundert Jahren anders fühlen und denken, weil sie kreativ mit schwierigen ­Situationen umgegangen und daran gewachsen sind.

Auch Krankheiten fordern uns heraus. Gesundheit kann man also nicht absolut erreichen oder gar für Patienten herstellen. Man ist immer auf dem Weg zum Ziel des Gesundseins. Wenn ich auf diesem Weg weiterkomme, ändert sich alles, was ich um mich herum erkenne. Die Welt der Pflanzen rechts und links meines Wegs, der Straßenbelag, der Himmel über mir wandeln sich. Das Ziel der Gesundheit finde ich nicht draußen oder durch die Gaben der Medizin. Ich muss es in mir selbst finden, muss in mir selbst Lebenslust entfalten und darf dabei nicht vergessen, dass ich Teil einer natürlichen Gemeinschaft bin. Heilkunst muss Ehrfurcht vor dem Leben entfalten und der Gesundheit des einzelnen Menschen und der ganzen Gesellschaft wirklich dienen wollen. Dies beinhaltet immer einen respektvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

MB: Die Krankheit oder Krise wird im Konzept der Salutogenese als Chance verstanden, um einen neuen Zustand zu erreichen. Sie ist eine Chance zur Selbstentwicklung. Oft kommen wir uns selbst überhaupt nur durch Krise und Krankheit näher. Auch die Finanzkrise bringt uns als Gesellschaft wieder den wesentlichen Dingen des Lebens näher.

EH: Die Krankheit eines Einzelnen kann auch Ausdruck einer entfremdeten Gesellschaft sein. Sie betrifft nicht nur den einzelnen Kranken. Sie ist auch ein Symptom dafür, dass sich die gesellschaftliche Kultur insgesamt zu weit vom Leben entfernt hat.

MB: Für den individuellen Menschen würde das bedeuten, dass er gegen den Strom, gegen die Trends der Gesellschaft schwimmen muss, wenn er gesund bleiben will.

JH: Diese Entfernung vom Leben wird mir immer wieder an unserer Sprache deutlich. Kürzlich stieß mir der Begriff »nachwachsender Rohstoff« auf. Wie weit hat sich unsere Kultur von den Tatsachen des Lebens entfernt! Die »nachwachsenden Rohstoffe« sind in Wirklichkeit entwickelte, blühende Lebewesen! Wenn ich in einer mechanisierten Sprache von Lebewesen spreche, bin ich Teil eines kranken Systems. Eine Sprache des Mitempfindens könnte uns gesünder machen.

MB: Ja, Gesundsein bedeutet nicht nur »bei mir sein«, sondern auch »bei den anderen sein« – mitempfinden können.

EH: »Gesundheit gedeiht mit der Freude am Leben«, sagte Thomas von Aquin. Sie gedeiht, wenn wir uns Zeit für uns und unsere Nächsten und Liebsten nehmen, wenn wir achtsam miteinander umgehen, mutig zusammenhalten und die auftretenden Probleme gemeinsam lösen. Viele Krankheiten entstehen aus dem Verlust des sozialen Bindegewebes. Aids ist auch eine Krankheit der kontaktreichen Beziehungslosigkeit und damit ein Spiegel der verlorengegangenen Liebe zwischen den Menschen. Ich muss als Arzt demütig und respektvoll mit den Krankheitsbildern umgehen, um ihre Lehren zu verstehen. Die innere Haltung, Krankheiten mit allen Mitteln beherrschen zu wollen, kennzeichnet einen Machtanspruch über das Leben, den der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter als »Gotteskomplex« beschrieben hat. Wer Krankheiten bekriegt und Lebensprozesse beherrschen will, scheitert heute.

MB: Insofern ist das Krankwerden sogar eine gesunde Reaktion. Die körperlichen Symptome weisen auf etwas hin, das uns sonst vielleicht nicht bewusst werden würde. Oft ist in einer psychisch kranken Familie derjenige, der psychotische oder neurotische Symptome zeigt, gesünder als die scheinbar »Normalen«.

EH: Die Bundesärzteordnung und die ärztliche Berufsordnung sagen klar: Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung. Damit ist der kulturbedingte Aspekt von Gesundheit, den wir hier diskutieren, ausgesprochen. Das Berufsfeld der Ärzteschaft schwingt damit zwischen den beiden Polen des individuellen und des allgemeinen Wohls. Insofern kann der Arzt in zweierlei Hinsicht versagen: als Akteur einer gesellschaftlich ausbeuterischen Dominanz wie im Nationalsozialismus, oder als Dienstleister egozentrischer Individuen, wie es heute zuweilen geschieht. Die Ärzteschaft verliert zunehmend ihr Empfinden für ihre soziale Verantwortlichkeit, während soziale Krankheiten wie Rückenschmerzen oder psychosomatische Symp­tomkomplexe dominieren. Für solche Krankheiten entstehen neue therapeutische Berufe und eine neue Art von Heilkundigen, die sozialer empfinden und die Funktion einer Versöhnung zwischen Individuum und der Gesundheit der Gesellschaft annehmen. Es geht heute um die Reanimation heilsamer Kulturen.

JH: Das ist ein gutes Stichwort: Wie schaffen wir eine heilsame Kultur? Sie muss wohl so lange heilsam bleiben, wie die Kultur sich im Krankenstand befindet. Danach ist es vielleicht eine »heile« Kultur, die freilich ständig gepflegt werden muss. Das Bild dieser heilsamen und am Schluss auch heilen Kultur, das wir zeichnen möchten, muss ansteckend wirken. Niemand kann sie verordnen oder herstellen, sie kann nur in einem gemeinsamen Prozess des Ermöglichens, Ermutigens und Ermächtigens wachsen.

EH: Dieses Gefühl einer sich ermächtigenden Gesellschaft habe ich beim Fall der Mauer 1989 ganz tief empfunden. Wer damals in Berlin war, hat ein Beteiligungsglück erlebt, das wohl keiner je vergisst. Als die Mauer fiel, fühlten wir uns alle gesünder, wacher, stärker, und wir sahen völlig neue Perspektiven am Horizont.

Wir beginnen heute zu verstehen, dass Leben keiner Mechanik gehorcht und nicht wie eine Maschine, wie ein Räderwerk funktioniert. Biologische Netzwerke bilden ein kommunizierendes Gewebe von Wechselwirkungen. Vielleicht sind wir deshalb glücklich, weil wir einen intensiven sozialen Zusammenklang erleben wie damals beim Mauerfall. Die soziale Kultur, Umweltbedingungen, die Gene, persönliche Entwicklung und individuelle Beziehungen, das alles sind Aspekte und Faktoren, die in Wechselwirkung miteinander verwoben sind. Bei der Bekämpfung der Infektionskrankheiten ging es früher um die Sanierung der äußeren Verhältnisse, um reines Wasser, sanitäre Anlagen, gutes Essen und gesundheitsdienliche Verhältnisse. Heute geht es eher um die Sanierung der Innenräume, um die Wiedergewinnung einer spirituellen und sozialen Geborgenheit, damit die Krankheiten ihre Gewalt verlieren.

MB: Die Lebenshaltung, die das Konzept der Salutogenese impliziert, ist der Blick auf das Positive: Was gibt mir ein gutes Gefühl in meinem Leben, welche Menschen unterstützen mich, welche Tätigkeit will ich ausüben, damit ich mich verwirklichen kann? In welchem Lebensraum will ich mich aufhalten?

JH: Eine weitere Kompetenz für eine gesunde Kultur scheint mir zu sein, mit der Tatsache der Vergänglichkeit einverstanden sein zu können. Es ist ein Urschmerz, wahrzunehmen, dass wir vergänglich sind. Aber nur durch diesen Zyklus erneuert sich die Kultur.

EH: Ja, die Treppenstufen etwas langsamer hochgehen zu müssen, ist nicht so tragisch …

JH: Außerdem scheint es mir wichtig, zu lernen, was es heißt, dass ich nur »bei mir« und gesund sein kann, wenn ich mit meiner Welt verbunden bin. In diese Verbundenheit lässt sich stufenlos hineinzoomen: Ich kann den Zustand der Welt genauso nah und scharf vor mir sehen wie das Innere meines Körpers, in dem ein Kilogramm Bakterien wohnt, die mich als Biotop benutzen. Lehne ich ihre Existenz ab, und hören sie auf, meine Nahrung zu verdauen, höre ich auf, zu leben.

MB: Diese Bakterien sind Teil unseres Immunsystems. Weiß ich denn, aus wievielen Wesen ich eigentlich bestehe?

EH: Da zeigt sich das Prinzip der Kooperation. Die evolutionäre Entwicklung des Lebens verdeutlicht, dass sich in der Natur eine geglückte Balance zwischen Wettbewerb und Kooperation eingependelt hat, wobei die Kooperation überwiegt.

MB: Schon unsere Zellen sind ein Ergebnis der Symbiose. Die Mitochondrien in meinen Zellen haben eine andere DNS als meine eigene, sie scheint eher mit derjenigen der Pflanzen verwandt. Ich bin also eine Vielheit, ein Kollektiv.

JH: Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, man spräche mit den Mitochondrien. Ich spiele gern mit der Vorstellung, dass in meinen Zellen ganz andersartige »Geistträger« wohnen.

MB: Ein zeitgemäßes Gesundheitsverständnis wäre demnach: »Ich bin eine Gemeinschaft.«

EH: Ja, das ist die Weiterentwicklung: Ich bin eben keine komplexe Fabrik, wie ein bekanntes Plakat des Hygiene-Museums Dresden die mechanistische Vorstellung ins Bild setzte. Dieses Bild war eine brauchbare Landkarte für den menschlichen Organismus. Ich käme aber nie auf die Idee, die Landkarte für die Landschaft zu halten.

MB: Wer sollen nun die Hauptakteure im Gesundheitsbereich unserer zukünftigen Gesellschaft sein? Die Ärzte, die Therapeuten, der einzelne Mensch? Ich denke, von zentraler Bedeutung ist die Verantwortung des einzelnen, der durch Selbstkultivierung und Bildung zu seiner Gesundheit findet. Damit will ich nicht die ganze Schuld an der Krankheit dem Patienten zuweisen. Für einen Prozess der Emanzipierung der einzelnen ist gerade die Einbindung in das Soziale die Voraussetzung. Selbstverständlich holt sich ein selbstbestimmt handelnder Mensch Hilfe, wenn sein Wissen nicht ausreicht oder wenn ihn eine Krankheit völlig aus der Bahn wirft.

JH: In indigenen Kulturen haben Menschen in der Regel ein umfangreiches Wissen über Gesundheitspflege, es gibt viele Rezepturen, die jedermann kennt. Dem Heiler kommt hingegen eine Sonderaufgabe zu, man ruft ihn nicht bei jedem Zipperlein.

MB: Die Hauptaufgabe des indigenen Heilers ist, die Verbindung mit der Geisterwelt herzustellen. Meist ist er selber durch eine Krise, durch die ihm ein inniger Kontakt mit anderen Welten möglich wurde, zum Schamanen geworden. Er tut etwas, was andere nicht können, er würde auch nicht für einen anderen Verantwortung übernehmen. Eher übernimmt er Verantwortung für die Gemeinschaft als Ganze, indem er ihre Kräfte mit der Ahnenwelt und anderen Kräften des Landes zusammenführt.

JH: Ich bin allerdings auch froh darüber, dass mir heute in einem Krankenhaus ein komplexer Bruch geflickt werden kann. Aber stellen wir diesen Anspruch in Frage, wenn wir über das utopische Modell einer heilen Gesellschaft nachdenken? Finanziert eine heile Gesellschaft noch genetische Manipulationen oder stockwerkhohe Tomographen?

MB: Die Frage ist offen: Wenn der einzelne Mensch die Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt, hat er dann auch die Freiheit zur Selbstgestaltung des eigenen Genoms? In einer Reihe von Science-Fiction-Romanen wird die Genetik nach einem globalen Kollaps weitergeführt. Ich denke, so etwas könnte man nur auf dem Boden eines gesellschaftlichen Konsenses realisieren. Mich stört, dass man in der Gentechnik die Natur als etwas Unvollkommenes betrachtet. Das ist anti-salutogenetisch. Andererseits, wenn jemand unter einer Erbkrankheit leidet, kann Gentherapie durchaus Gutes leisten. Allerdings hinterlässt auch diese Vorstellung bei mir ein Unwohlsein.

JH: Zur Gesundung der Gesellschaft gehört, dass sie sich Strukturen schafft, in denen solche Fragen erörtert werden, wie zum Beispiel die Frage nach dem, was Menschsein für uns bedeutet. Daraus leitet sich dann ab, wie mit etwaigen Eingriffen ins Genom umzugehen wäre. Allerdings setzt eine solche Partizipation umfassende Bildung voraus.

MB: Letztlich ist die Frage doch: Was ist das gute Leben? Wenn ich gut gelebt habe, müsste ich doch auch den Tod akzeptieren können.

JH: Das könnten Menschen in einer weisen Kultur, von der eingangs schon die Rede war. Wie finden wir den Weg von der Wissenskultur zur Weisheitskultur? Und wie finden wir heraus, was weise ist? Wieviel Aufwand treibt zum Beispiel eine Gesellschaft, um mein Leben zu retten? Wäre es nicht sinnvoll und klug, einen raschen Herztod, der mich ereilt, zu akzeptieren, statt mich zu reanimieren?

EH: Wenn man lebenssatt geworden ist, kann man auch in Ruhe sterben. Wenn jemand die Diagnose einer nicht heilbaren Krankheit bekommt, ist oft nicht das Sterben an sich schlimm, sondern das noch nicht erfüllte Leben.

JH: Eine Weisheitskultur ist sicherlich eine Friedenskultur, die gelernt hat, einverstanden und zufrieden mit dem Leben zu sein – in Frieden mit dem, was ist. In einer Weisheitskultur ist Frieden das Gravitationszentrum, um das auch die persönliche Bemühung kreist.

EH: Die Arzneimittel der Informationsgesellschaft heißen ­Bildung und Gemeinschaft. Diese Quintessenz der gesundheitswissenschaft­lichen Erkenntnis verändert jetzt die gesundheitspolitischen Stra­te­gien und die Praxis der Heilkunst in Deutschland. Geborgen­heit in sozialen Netzen beschreibt eine der kräftigsten Gesundheitsquellen. Wer im Kreis von Freunden, Bekannten und Gleichgesinn­ten angenommen und beteiligt ist, lebt gesünder und länger. Mit der Kraft unserer Gedanken können wir Gene ein- und ­aus­schal­ten, Behinderungen überwinden, Schmerzen bewältigen, alte Erfahrungen modifizieren oder die Intelligenz steigern.

MB: Das englische Wort self-cultivation bedeutet übrigens Bildung. Zumindest wurde der Humboldtsche Bildungsbegriff in der wissenschaftlichen Literatur mit Self-Cultivation übersetzt.

EH: Es gibt ein wunderbares Buch von Horst-Eberhard Richter. Das fällt mir gerade ein. Es erschien 1998. Im Jenseits macht Albert Einstein sich Sorgen um den Zustand der Welt. Er ruft die unsterblichen Seelen von Freud, Descartes, Augustinus, Platon, Buddha und Konfuzius zu einem »himmlischen Krisengipfel« zusammen. Horst-Eberhard Richter lässt die großen Denker am Schluss des Buchs streiten, ob der ­globalisierte Kapitalismus in weltweitem Chaos enden, die technologische Revolu­tion eine schöne neue Welt entwirft oder nur ein gründlicher Sinneswandel die Menschheit retten kann. Am Ende wird kein Patentrezept verkündet. Gastgeber Einstein schließt mit den Worten: »Fragt ihr mich nach meinem persönlichen Resümee, so sehe ich für den Menschen, will er die Zukunft seines Geschlechtes sichern, die einzige Chance darin, dass er zwei ganz einfache Einsichten endlich praktisch beherzigt: Dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.«

Dr. phil. Marco Bischof (62) ist Wissenschaftsautor, Atemtherapeut, Experte für Grenzgebiete der Geistes- und Naturwissenschaften, Dozent am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder und Vorstandsmitglied des International Institute of Biophysics, Neuss. Publikationen u. a.: »Biophotonen – Das Licht in unseren Zellen«, »Unsere Seele kann fliegen«, »Tachyo­nen, Orgonenergie, Skalarwellen«, »Der Kristallplanet«.

Dr. med. Ellis Huber (60) studierte Humanmedizin, Germanistik und Geschichte, praktizierte als Arzt, war langjährig Präsident der Ärztekammer Berlin und engagierte sich 1999–2001 als Geschäftsführer für den Aufbau der Krankenkasse Securvita. Er ist Vorstandsmitglied des Paritätischen Landesverbands Berlin e. V. und Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands Deutscher Präventologen e. V. Sein 1993 erschienenes Buch »Liebe statt Valium« wirbt für einen Wandel der Medizin.

Erschienen in Oya Ausgabe 1 (2010)