Das Wort »enkeltauglich« findet sich zum ersten Mal in einer Publikation namens »Kinderagenda für Gesundheit und Umwelt 2001« des »Netzwerks Kindergesundheit und Umwelt«. Die Anregung dazu kam von dem Münchener »Forum Kinder – Umwelt und Gesundheit«, das auf Initiative der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und des Umweltministers Jürgen Trittin zustandegekommen war. Im Rahmen des Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit (APUG) 2001 hatten die beiden Ministerien das Projekt »Vernetzung der Nichtregierungsorganisationen im Bereich Kind – Umwelt – Gesundheit« angestoßen und gefördert. Die Arbeitsgruppe Pädiatrische Umweltmedizin in der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA), die an der Erarbeitung der Kinderagenda beteiligt war, veröffentlichte diese in ihrem Magazin »Pädiatrische Allergologie«, Ausgabe 4/2001. Dort heißt es auf Seite 28: »Die unterzeichnenden Nichtregierungsorganisationen fordern ein konsequent präventives und damit enkeltaugliches Handeln für jede Kinder- und Jugendgeneration. Adressaten sind Entscheidungsträger in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Umwelt und Gesundheit. Mit dem Begriff ›Enkeltauglichkeit‹ wollen wir ›Nachhaltigkeit‹ plastisch und begreifbar werden lassen.« Und die Webseite der APUG erklärt: »›Enkeltauglichkeit‹ meint nachhaltig, dauerhaft, zukunftsfähig. Mit der neuen Wortschöpfung soll das Leitbild der ›Nachhaltigkeit‹ plastisch und begreifbar werden. ›Enkeltauglichkeit‹ will verdeutlichen, dass letztlich alle Politik sich daran zu messen hat, dass auch die Enkelkinder eine lebenswerte Zukunft vorfinden.« (http://www.apug.de/kinder/enkeltauglich.htm)

Danach scheint der Begriff für die nächsten 11 Jahre in das Graswurzelwerk abgetaucht zu sein, denn ich konnte bisher keine Zitierstelle aus dem Zeitraum von 2001 bis 2012 finden.

Im Sommer 2012 fand in Berlin der 5. Umweltkongress »McPlanet« statt. Lara Mallien als Chefredakteurin und ich als Herausgeber der Zeitschrift »Oya« nahmen daran teil. In einer Pause plauderten wir beide mit Harald Welzer auf einer Bank in der Sonne. Er erzählte von einem kleinen Festival, das sein Sohn zusammen mit Freunden kürzlich veranstaltet hatte – »gar nichts Großes, sie wollten einfach etwas Enkeltaugliches tun.« »Enkeltauglich« – ich hatte das Wort vorher noch nie gehört, und in diesem Moment begriff ich die Kraft der innewohnenden Assoziation. Das wollte ich nicht mehr loslassen und begann sofort, »enkeltauglich« in meinen Wortschatz zu integrieren. In »Oya« (die inzwischen den Untertitel »enkeltauglich leben!« trägt), in Vorträgen und Seminaren proklamierten wir das Wort als Weiterführung von »Nachhaltigkeit«, und als mein Nachforschen zur Ideengeschichte des Worts den obigen Ursprung zutage förderte, fühlte ich mich vollends in der Forderung bestätigt, »dass letztlich alle Politik sich daran zu messen hat, dass auch die Enkelkinder eine lebenswerte Zukunft vorfinden«.

Überraschend schnell wanderte der Begriff in den Mainstream ein: Schon im Herbst 2012 erschien bei der Körber Stiftung das erste Buch, das den Begriff auf dem Titel trug: »Wir Zukunftssucher: Wie Deutschland enkeltauglich wird« von Wolfgang Gründinger. Inzwischen ist der Begriff so populär geworden, dass sogar der Serbski Sejm, das erste Parlament des indigenen Volks der Sorben und Wenden in Deutschland, es als eine seiner wesentlichen Aufgaben sieht, »die Vision einer guten, enkeltauglichen Welt« zu verwirklichen.

Dass der Begriff »Enkeltauglichkeit« auch in die falschen Hände gerät, so wie seinerzeit der Begriff »Nachhaltigkeit«, den etwa der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, damit füllte, dass seine Aktionäre dauerhaft 25 % Dividende erhalten und die Deutsche Bank somit »nachhaltig« wirtschafte, ist unvermeidlich. So gibt es derzeit auch einige Gruppierungen, denen die Abgrenzung zu Verschwörungstheorien, Fantasy-Literatur und rechter Gesinnung schwerfällt, die sich der guten Bedeutung des Worts »Enkeltauglichkeit« bedienen und dies mit einer »Heile-Welt«-Landwirtschaft verbinden. Unter Verweis auf die geschilderte Herkunft der Wortschöpfung sollten sich jedoch alle Anwürfe abweisen lassen, etwa das »Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft« habe mit solchen Erscheinungen irgendetwas zu tun.

Letzeres gilt auch für die Bezeichnung »Landwende«. Wir wählten das Wort im Jahr 2001, als wir die Bürgerinitiative Landwende im Zusammenhang mit dem sogenannten Brasan-Skandal gegründet haben. Damals hatte das Ackergift Clomazone große Schäden bei Biobauern in ganz Norddeutschland angerichtet. Wir waren besonders betroffen, weil unser frisch gegründetes Unternehmen »Kräutergarten Pommerland« praktisch seine ganze erste Ernte verloren hatte und das verursachende Agrarunternehmen einen regelrechten Krieg gegn uns anzettelte. Der im selben Jahr unter dem Eindruck der ersten BSE-Fälle in Deutschland von Landwirtschaftsministerin Künast eingeführte Begriff »Agrarwende« erschien uns zu technokratisch und vor allem industriell besetzt. »Landwende« vermittelte hingegen die Ansprache, dass das »Land« etwas anderes ist als eine reine Open-Air-Kohlenhydratfabrik.