Herausforderungen und Freuden beim postkollapsfähigen Bauen.

Feldsteine, Lehm und Kalk, Stroh und Holz – das findet sich direkt am Bauplatz und in naher dörflicher Nachbarschaft. Glas? Kupfer? Nun ja, so ganz ohne Industrie würde er schon nicht funktionieren, der Bau unseres »postkollapsfähigen« Campwiesenhäuschens in Klein Jasedow.

Wie weit aber würden wir mit unserer Fantasie, ein Haus für die harte Wirklichkeit so weit, wie es nur irgend ginge, allein aus vor Ort vorgefundenen Lebensquellen zu bauen, kommen? Noch dazu eines, das anspruchsvolle Funktionen zu erfüllen hat: Das Haus soll den vielen Kindern, die übers Jahr hinweg zu Natur- und Wildniscamps auf der großen Campwiese zelten und bei Zirkuscamps Akrobatik, Clownerie und Feuerartistik lernen, Dusch- und Waschgelegenheit geben – Jungen und Mädchen getrennt, und barrierefrei obendrein. Es soll zum Teekochen und Aufwärmen dienen und bei Regen einen stabil überdachten Treffpunkt bieten. Und es soll eben auch ein lebendiges, anfass- und bewohnbares ökologisches Lehrstück dafür sein, dass wir in Zeiten der Übernutzung unserer Planetin gut beraten sind, uns auf einfache, lebensnahe und lebensfördernde Ursprünge zu besinnen, die unter den sich wie Gletscher türmenden Ablagerungen der Konsumwelt und der ach so bequemen Technik für immer begraben scheinen.

So ein einfaches, aufs Wesentliche reduzierte Haus ist alles andere als leicht zu erschaffen. Schon die Baugenehmigung zeigt wenig Bezug zur Wirklichkeit: Die übliche Betonplatte – wahlweise ein 1,20 Meter tiefes Streifenfundament – als Gründung für ein Fachwerkhaus? Seit Hunderten von Jahren stehen die Häuser in unserer Region auf einem gemörtelten Feldsteinsockel, der gerade mal eine Handbreit tief in den sandigen Lehm der norddeutschen Tiefebene eingesenkt ist. Ganze Dome stehen im ehemaligen Sumpf auf einem schlichten Schotterbett und ein paar Punktfundamenten aus Eichenstämmen! Nun ja, die zunehmenden Klimawandelstürme könnten das Häuschen ergreifen und wie weiland der böse Wolf in die Ostsee husten und pusten …

Holznägel statt Edelstahlbolzen mit Bulldog-Scheibendübeln zur Sicherung der Fachwerkverbindungen? Zapfen und Löcher statt Spax-Holzbauschrauben? Ziegelfußboden ohne Estrich? Kastenfenster statt Isolierglas? Strohleichtlehm statt Porenbetonsteinen? Das alles ist ja noch nachvollziehbar. Aber kein Strom im Haus? Da stößt man an Grenzen, die spätestens dann, wenn das Warmwasser ohne Pumpe von einem händisch zu befeuernden Grundofen an die Wasserhähne gelangen soll, unüberwindbar erscheinen – bis man den richtigen Menschen trifft, der – Seiteneinsteiger natürlich – vom selben Geist behaucht ist wie man selbst und die Lösung, die man sich ertüftelt hat, tatsächlich bauen kann.

Doch wenn wegen der Lage des Hauses im Außenbereich nur eine Firsthöhe von etwas über 3 Metern genehmigt wird und damit eine Dachneigung von nur noch 6 Prozent möglich ist, dann knickt auch das aufrechteste Postkollaps-Rückgrat ein: Schieferplatten waren zu schwer für die Statik. Ein Blechdach – niemals! Birkenrinde – so machen’s die Finnen! Ja, aber sie verwenden Rinde von Birken, die hier nicht wachsen. Daher: Ein Gründach. Dazu benötigt man eine wasserdichte Folie, die den enormen Druck der feinen Pflanzenwurzeln aushält – also ein Produkt aus Erdöl. Und die Trinkwasserleitung und die Abwasserrohre? Auch aus Erdöl – zähneknirschend nehmen wir’s in Kauf. Das Wasserregister um den Grundofen und im Pufferspeicher? Aus Kupfer. Die Armaturen? Aus Messing: Kupfer und Zink. – Es hilft nichts: Metalle und Glas, diese intensiven Primärenergieverbraucher, sind leider unerlässlich. Wie würden wir an diese Stoffe gelangen, gäbe es die heutige Welt nicht? Glas könnten wir vielleicht noch aus dem eigenen Bodenschatz erglühen. Doch Kupfer?

Und wie bauen? Alles per Hand? Ausschachten, Füllboden herankarren, Steine herschleppen, vom Fällen, Sägen und Transportieren der Bäume ganz zu schweigen. Radlader, Trecker, Sägewerk, Sattelschlepper, Hydraulik – ein Segen. Ein Fluch. Allein die Reifen der Fahrzeuge, scheinbar leicht begreiflich – doch unbegreiflich ist der komplexe Weg, den die Rohstoffe nehmen, bis sie durch die Moloche gewaltiger Industrien zu den simplen Produkten geworden sind, auf denen nun das, was wir nicht per Hand oder Tier transportieren können, auf unsere Baustelle rollt.

Bald 300 Zapfenlöcher haben unsere beiden Zimmerleute per Hand in die Balken gestemmt, und die Schwelle ist immerhin aus Eiche, 20 mal 20 Zentimeter stark. (Acht Menschen sind nötig, um einen solchen Balken zu bewegen!) Das hat Wochen gedauert, und weil die beiden bei Sonne und Regen stets fröhlich ihre Geduldsarbeit taten, kam der Gedanke an frühere Zeiten nur bei wenigen Betrachtern auf: Damals waren zwei Dutzend Handwerker auf der Baustelle und haben geschuftet, um die Bauzeit in den meteorologischen Grenzen der Sommersaison zu halten. – Doch kamen viele liebe Menschen zu den Bauwochen, die wir ausgeschrieben hatten: Mutige und Willige, die das Arbeiten mit Kopf, Herz und Lehm in der Hand lernen wollten. Da wurden die Feldsteine zum Fundament regelrecht gepuzzelt, zwischen den Schubkarrenfahrten entspannen sich richtungsweisende Gespräche, und bald jeder lehmgetränkte Strohhalm erfuhr individuelle Aufmerksamkeit, bevor er in die Wandschalung gestampft wurde. Ein neuer Wert, der das historische Handwerk reflektiert: Weit und breit gibt es kein Gebäude, das auf so viel Liebe gegründet ist, so viel geschenkte Freude schon in der rohen Konstruktion enthält, von so vielen ernsthaften Gedanken um die Zukunft unserer Kinder und Enkel informiert ist, wie unser Campwiesenhaus.

Zum Richtfest bei strahlendem Himmel war Groß und Klein versammelt. Die Balken, auf denen das Büffet angerichtet war, bogen sich unter Leckereien und hochprozentigen Geistlichkeiten. Klar, da musste gesungen werden – schnell noch einen Kanon schreiben, zu acht Stimmen! Wenn alle richtig singen, klingen die jeweils ersten Takte wohlgefügt wie die Balken im Fachwerk; in den jeweils zweiten Takten wirbeln die Töne durcheinander wie die Kinder, die schon den Rohbau in Besitz genommen haben. Wie das wirkliche Leben, in dem das Neue selten einem Plan folgt, sondern meist eine Kultur des Nicht-Wissens herausfordert. Eine bessere Übung, das Nicht-Wissen zu kultivieren, als Erfindung und Bau unseres postkollapsfähigen Kompromisshauses, ist mir in letzter Zeit nicht begegnet.

Erschienen in Oya Ausgabe 36 (2016)