»Ist das richtig und vernünftig, was ich da tue? Oder mache ich das nur so, weil ich es schon immer so gemacht habe und weil andere das so machen?« Der diese profunde Frage im Alter von 83 Jahren stellte, ist soeben mit 89 Jahren aus dem Leben geschieden. Ein beeindruckender Mensch – und wieder ein Fortgang. Der letzte Nachruf an dieser Stelle ist noch nicht lange her.

Karl Ludwig Schweisfurth hat mir ans Herz gelegt: »Verbreiten Sie die ›symbiotische Landwirtschaft‹!« So hatte er es in seiner charaktervollen Handschrift auf einen Zettel notiert, der einigen jüngeren Schriften von ihm angeheftet war. Er hatte sie mir nachgesandt, nachdem Lara Mallien und ich ihn 2014 für ein Interview (Oya »Landwende«) in den »Herrmannsdorfer Landwerkstätten« bei München besucht hatten. In ungebrochener Begeisterung für alles Lebendige, Gute, Vernünftige und Schöne zeigte er uns die neu eingerichteten Gehege für die weißen Bruderhähne, die Reifekeller, wo duftende Schinken und Salamis dichtgedrängt vor sich hin fermentierten, und führte uns über die vier Hektar Land, auf denen er, seitdem er den gesamten Betrieb seinen Kindern übergeben hatte, als »Rentner« eine freie Tierhaltungspraxis erprobte. Dabei hatten wir ihm erzählt, dass wir seine Methode der symbiotischen Wirtschaftsweise in unser ­eigenes Landwirtschaftsprojekt übernehmen wollen. Zu einem Gegenbesuch, den er damals in Aussicht gestellt hatte, ist es nun nicht mehr gekommen.

Unter jenen Schriften war eine Broschüre, deren Titelbild ikonisch vermittelt, wer Karl Ludwig Schweisfurth war: Man glaubt, ein prähistorisches Großsteingrab zu sehen, und aus einer Lücke zwischen den mächtigen Granitfindlingen schaut eine Kuh den Betrachter an, auch sie massig und rund wie die Steine, die sie überragen. Die Anlage gehört zu den Meisterwerken, die mich in meinem bisherigen Leben am tiefsten erschüttert ­haben: Der Landschaftskünstler Hannsjörg Voth hat in einem der Herrmannsdorfer Weidegründe 24 Megalithen über einem schiffsförmigen Grundriss aufgerichtet; die Innenseiten der geglätteten Steine tragen die Namen von Hunderten vom Aussterben bedrohter oder bereits ausgestorbener Arten. Als ich 1996 die soeben fertiggestellte steiner­ne »Arche« betrat, umgab mich die tiefe Stille eines Ahnentempels aus archaischer Zeit, und »Tiefe« meint hier tatsächlich den Abgrund, in den es uns Menschen hinunterreißen wird, während wir noch hoffen, mit der Etablierung des Richtigen Rettung bewirken zu können. Dass dieses Kunstwerk von Kühen, stellvertretend für alles, was den Ort als Behausung wählt, betreten, verschissen und mit der Aura des seligen Weiterlebens all dessen, was den Menschen überleben wird, versehen werden darf, dokumentiert jedoch den unerschütterlichen Glauben an das Gute, der den Stifter zu Lebzeiten stark bleiben ließ.

Karl Ludwig Schweisfurth war ein Großer, Unbequemer, ein Visionär und Inkarnierer – ganz wörtlich Ins-Fleisch-Bringer. Ich kannte ihn, seitdem er die seinerzeit größte Fleischfabrik Europas verkauft und mit dem Erlös eine Stiftung aufgesetzt hatte, die ihre Arbeit der seltenen Kunst widmet, Leib, Geist und Seele gesund und in größter Verbundenheit mit allem, was lebt, zu ernähren. Das ist es, was ich ihm nachrufe; alles andere finden Sie in Fülle im Internet.

In ziemlicher Melancholie, aber wie immer herzlich,

Ihr Johannes Heimrath (Herausgeber)

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